171 ohne

Was ich anfangs für eine lustige Story hielt, stellt sich doch mit der Zeit als eine sehr ernste Angelegenheit: Vor nun 171 Tagen ist Belgien ohne Regierung, das heißt seit den Parlamentswahlen am 10. Juni 2007.
Wie gesagt, am Anfang musste ich lächeln, wenn ich einen Artikel darüber gelesen habe - für die Franzosen sind die Belgier wie die Ostfriesen für die Deutschen :-)

Gestern Abend habe ich einen interessanten Artikel in einer französischen Zeitung gelesen mit dem Titel “Die Abenddämmerung Belgiens”. Interessant an diesem Artikel war, dass diesmal die geschichtliche Entwicklung Belgiens kurz erläutert wurde, die zur heutigen politische Krise geführt hat. Bisher war es so, dass ich mich über die wallonische Presse (also die französischsprechende Presse Belgiens - sprich “einseitige Info-Quelle”) informiert hatte - ich kann ja kein Flämisch. Kurz gesagt: Das Bild war etwas verzerrt, eher schwarz-weiß: Aus einer Seite die “bösen” Flamen, auf der anderen Seite die wallonischen Opfer. So einfach ist es aber nicht.
Nicht nur der Unterschied in der Sichtweise, bedingt durch die sprachliche und kulturelle Zugehörigkeit, ist im Falle Belgiens zu berücksichtigen sondern auch das Gefälle “Politiker vs. Volk”. Belgien steckt in einer politischen Krise, angezettelt durch Politiker beider “Konfessionen”. Die Leute auf der Strasse haben zum größten Teil eine andere - friedlichere - Meinung.
Ich kann hier nicht diese komplexe Krise erklären - ich bin ja nur ein externer Beobachter. Ich möchte einfach hier nur einige Elemente wiedergeben, die zur aktuellen Krise geführt haben.

- Heute ist der flämische Teil Belgien viel reicher als der wallonische Teil. Anfang des 20. Jahrhunderts war es genau umgekehrt. Die sprachliche Trennung ist nicht auf die flämische Bevölkerung zurückzuführen. Nein, 1932 haben die Wallonen darauf bestanden, denn sie wollen nicht in einem zweisprachigen Land leben und infolgedessen die “Sprache der Bauern” (= Flämisch!) lernen. Erst 1930 entstand die flämische Universität in Gent und erst 1967 (!) wurde die belgische Verfassung ins Flämische übersetzt! Bis spät ins 20. Jahrhundert hinein war Französisch im flämischen Teil weit verbreitet.

- Erst Anfang der 60er Jahre ist die sprachliche Grenze festgelegt worden - diesmal auf Wunsch der flämischen Bevölkerung. Dies hat dazu geführt, dass die politischen Parteien sich gespalten haben (auch hier: eine Seite flämisch und eine Seite wallonisch). Damals war es keinem klar, dass die Spaltung der Parteien zur Folge hätte, dass jeder für die Partei seiner Region wählt und nicht mehr für eine belgische Partei. Das führte langsam aber sicher zum immer größeren Auseinanderleben im politischen Belgiens.

- Da die Flamen heute bevölkerungsstärker sind als die Wallonen, haben sie mehr Vertreter im Parlament und stellen den Premier Minister. Zum Ärger der Wallonen, die dadurch keine Chance haben, dass der wichtigste Politiker des Landes aus ihren Reihen kommt. Parallel dazu kommt die Tatsache, dass Wallonien durch die Krise der Stahlindustrie ärmer geworden ist, indem der Flämische Teil durch die neuen, erschlossenen Wirtschaftssektoren (z.B. im Bereich der Dienstleistungen) immer reicher wird.

Diese Elemente sind aber auf politischer Ebene zu verstehen. Der Mann auf der Strasse, ob Wallone oder Flame, möchte mehrheitlich in einen belgischen Staat mit beiden Sprachkomponenten leben. Das ist das Ergebnis einer Umfrage von letzter Woche: 70% der Belgier sind der Meinung, dass ihre Politiker jeden Sinn für Realität verloren hat.
Dennoch ist eine eventuelle Trennung immer vorstellbarer…

Ist Belgien auf dem Weg einer Samtenen Revolution? Oder schafft es, sich wieder zu fangen? Werden wir übernächstes Wochenende unser Weihnachtsfest noch in Belgien oder schon im unabhängigen Flandern erleben? :-) Das Wochenende wird spannend!
In der Zwischenzeit, da das Wetter mich nicht ermöglicht, Rad zu fahren, werde ich vielleicht mit Sudoku anfangen?

Viele Fragen… aber eines steht fest: Die Entwicklung Belgiens verfolge ich auf jeden Fall!

2 Reaktionen zu “171 ohne”

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