Die EU in Kleinformat

Wie Christian gestern gesagt hat, arbeiten bei uns 4 Nationalitäten zusammen. Im Grunde genommen leben wir im Büro täglich aus, was die EU aus Brüssel aus versucht, auf die Beine zu stellen :-)

Ich wohne seit nun über 12 Jahren definitiv in Deutschland und habe die ersten 10 Jahre nur mit Deutschen gearbeitet. Da ich damals Berufsanfänger war, musste ich mich nicht so umstellen – ich habe einfach die deutsche Arbeitsweise verinnerlicht. Erst hier arbeite ich täglich mit meinen Landsleuten, den berühmten, für Nicht-Franzosen rätselhaften Franzosen… und das bedeutete anfangs auch für mich eine Umstellung meiner Arbeitsweise. Denn es ist einfach unmöglich, die deutsche Arbeitsweise auf Franzosen zu übertragen!
In der täglichen Arbeit gibt es – um nur ein Beispiel zu nennen – einen riesiegen Unterschied: Wenn meine deutschen Kollegen mit ihren jeweiligen Teams kommunizieren, geht es immer direkt zum Thema des Gesprächs und vor allem verläuft das Gespräch zügig. Bei mir läuft es anders: Jedes Telefonat – wohl gemerkt beruflicher Natur – dauert extrem lange, denn zuerst wird über Gott und die Welt gesprochen, bis man irgendwann mal zum Thema übergeht (mein Kollege Jordi erlebt das auch mit seinem Team). Oft passiert es mir auch, dass Teammitglieder mich anrufen, um einfach nur “Bonjour” zu sagen – also absolut ohne berufliche Notwendigkeit. Meine deutschen Kollegen haben sich nun daran gewöhnt, dass meine Telefonate immer so lange dauern :-)

Das Thema “Humor” (gestern auch von Christian angeschnitten) ist auch eine besondere Sache in einer Fremdsprache. Während meines Studiums hat mir eines Tages ein Germanistik-Professor gesagt, es gebe beim Erlernen einer Fremdsprache zwei große Probleme, die es zu überwinden gilt. Erstens das richtige Anwenden von Präpositionen in der Fremdsprache und zweitens den Humor in der Fremdsprache zu verstehen. Denn dieser ruht auf einer kulturellen Basis, die man als “Fremde” nicht so erlernen kann. Deshalb nehme ich heute noch so hin, dass ich mit den meisten deutschsprachigen “Comedy-Ikonen” kaum was anfangen kann… und es liegt sicherlich nicht an denen Kompetenzen! :-)

Wie Christian habe ich auch meine Erlebnisse mit meinen Eltern im Ausland gemacht. Meine Eltern haben mich nun ein einziges Mal in Deutschland besucht und heute, 11 Jahre danach, lachen wir noch darüber. Vor allem über 2 Anekdoten.
Die erste: Wir waren bei deutschen Bekannten zum Essen eingeladen (natürlich wurde am Tisch Französisch gesprochen, damit meine Eltern an der Conversation teilnehmen können). Als das Essen serviert wurde, hat jeder Gast nach einem “Bon appétit!” angefangen zu essen… bis auf meine Eltern. Meine Mutter teilte mir durch Gebärde mit, es gebe kein Brot auf dem Tisch! Erst nachdem meine Eltern Brot bekamen, fingen sie an zu essen. Heute noch ist es für sie unbegreiflich, dass man beim Essen kein komplettes Baguette mit verzehren kann!
Die zweite Anekdote spielte sich diesmal bei unserem Ausflug in den Niederlanden: Mittags machten wir eine Pause in einem kleinen Restaurant – alles lief super, bis mein Vater auf einmal wie versteinert am Tisch saß. Er konnte absolut nicht begreifen, dass man auf Pommes noch Mayo hinzu serviert! Er sagte nur noch “Ich will einen vollen Magen kriegen, keine verstopfte Arterien!” :-)

Die Unterschiede aufzulisten wäre zu aufwendig, aber ich finde immer klasse zu verstehen, warum der Andere anders denkt oder agiert. Während ein Deutscher von einer Schublade (also “schieben”) spricht, bezeichnet ein Franzose diesen Gegenstand als Tiroir (also “tirer”, sprich “ziehen”). Für einen Deutschen haben zwei Wochen 14 Tage, zwei französische Wochen haben aber 15 Tage… und und und.

Gestern habe ich ein neues Buch angefangen, das ich sicherlich in den nächsten Wochen mal mit in meine Auflistung “Alain empfieht heute:” mit aufnehmen werde. Dabei geht es darum, dass ein junger Londoner ein Jahr lang in Frankreich, genauer gesagt in Paris, gelebt hat. Er beschreibt Monat für Monat seine Erfahrungen… und Zack! Direkt fängt er mit einer französischen Eigentümlichkeit. In Frankreich fängt das Jahr nicht am 01.01. sondern am ersten Monat im September :-) Ich freue mich schon sehr auf das Buch, weil ich diesmal Frankreich nicht über die deutsche, sondern über die englische Sicht betrachten werde…

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