Massel, die Sternzeichen und der Judentum
Wie oft hat man schon von einem Menschen gesagt, der scheinbar mehr Glück als Verstand zu haben scheint, dass er ‚Massel‘ hat. Ebenfalls kann man auch behaupten, dass ein Mensch der ein besonderes Händchen für gewisse Sachen hat, ‚Massel‘ mit Geld od. mit Kindern usw. aufweist. Auch fast jeder kennt den Spruch ‚Massel toff!‘, der im Sinne von ‚Glückwunsch!‘ (auch schon mal ironisch gemeint), und als Trinkspruch gebräuchlich ist. Massel entstammt dem hebräischen Wort ‚Mazal‘ (‚ma-sal‘ ausgesprochen). Mazal bedeutet nicht nur ‚Tierkreis‘ od. ‚Schicksal‘ sondern auch ‚Sternzeichen‘, ‚Glück‘, ‚Planet‘ und ‚Sternbild‘. Dieses Wort, das über das Jiddische ins Deutsche gedrungen ist, wurde im Sinne von Tierkreis od. Schicksal verwendet, um eine Verquickung, die zwischen Astrologie und der Kabbalah (siehe Alain’s ausführliche Blog-Einträge vom 20. März bis zum 19. Juni 2008 über diese mystische Lehre) stattfand, zu bezeichnen. Diese ‚kabbalistische‘ Astrologie wurde ‚Mazal‘ oder ‚Mazalot‘ genannt. Aufgabe dieser von im spanischen Raum lebenden Juden ab dem zweiten Jahrhundert nach Christi Geburt entwickelte Disziplin war, Geburtshoroskope basierend auf der Kabbalah zu berechnen und zu interpretieren. Gemäß der Prinzipien der Mazalot wird die innere Struktur der Seele mit Hilfe des kabbalistischen Lebensbaums (siehe Alains Blog vom 14. April 2008) durchleuchtet. Ein Reißbrett mit symbolischen Darstellungen der Sephiroth, ähnlich wie das Brett das Freimaurer in ihren Rituellen einsetzen, verwendet man um den Planetenstand und die Sternzeichen einzuzeichnen. Herkömmliche Astrologen berechnen ein Horoskop (das Wort stammt übrigens aus dem Griechischen und bedeutet ‚Beobachtung der Zeit‘) um die Planetenstände, die unseren Tagesablauf beeinflussen, zu ermitteln. Kabbalistischen Astrologen dagegen ist die Verbindung der Planeten zu den zehn Sephiroth (namen Gottes) des Lebensbaums wesentlich. Diese Anreicherung durch die Kabbalah Mystik brachte die westlich Astrologie auf magische Pfade.
Man muss dabei bedenken, dass obwohl die Kabbalah Teil des mystischen Kulturguts des Judentums ausmacht, bedeutet ihr Einsatz von Astrologie nicht unbedingt, dass Astrologie in der jüdischen Kultur allgemein akzeptiert wird. In Wirklichkeit besteht seit biblischen Zeiten ein etwas zwiespältiger Bezug zwischen dem Judentum und der Astrologie. Spätestens in der Epoche des babylonischen Exils kam das jüdische Volk in rege Berührung mit der babylonischen Astrologie.
In der heiligen Schrift des Judentums, dem Tenach, werden im Buch Jesaja Astrologen als ‚Sterngucker‘ – hoverei ha-shamayim – verhöhnt. Im Buch Daniel werden babylonische Astrologen zum ersten mal als kasdim – ‚Chaldäer‘ bezeichnet. In der frühen klassischen rabbinischen Literatur die noch in Israel vor der Diaspora verfasst wurde (die Jerusalem Talmud und die Midrasch-Textsammlungen der Auslegungen religiöser Texte) bezeichnet man Astrologen mit dem altgriechischen Begriff astrologos und die Lehre astrologiyya. Dagegen waren in der im babylonischen Exil verfassten rabbinischen Literatur die Bezeichnungen kaldiyyim und kalda’ei – ‚Chaldäer‘ – eher gebräuchlich.
Im alten Hebräischen unterschied man schon zwischen Astrologie – hokmat ha-nissayon – ‚die Weisheit der Voraussage‘ und Astronomie – hokmat ha-hizzayon – ‚die Weisheit der Betrachtung von Sternen‘
Einige Historiker vertreten die Ansicht, dass Astrologie letztendlich ins jüdische Kulturgut im Zuge des Synkretismus mit der antiken hellenischen Kultur assimiliert wurde. Unter Synkretismus versteht man die Vermischung von zwei oder mehr zuvor als inhaltlich unterschiedlich voneinander abgegrenzten religiösen Ideen oder Philosophien zu einem neuen System oder Weltbild.
Anderen Historikern zufolge war die jüdische Astrologie viel älter und mit der chaldäischen Astrologie nahezu ident. Später, im Zuge der Zerstreuung der Juden über die unterschiedlichsten Gegenden der Welt (die sogenannte Diaspora, die mit dem Untergang des Reiches Juda 586 v. Chr. begann, nach dem ein Teil der jüdischen Bevölkerung nach Ägypten umsiedelte, die meisten aber nach Babylon exiliert wurden) – teilte sich die jüdische Astrologie in zwei Strömungen auf. Die eine, in der arabischen Welt angesiedelte, war eine verfeinerte Form der arabischen Astrologie, die die Exilanten dort vorfanden. Die andere entwickelte sich im damals von Arabern beherrschten iberischen Raum und wurde von stark kabbalistischen Zügen geprägt.
Viele Geschichtswissenschaftler erkennen einen eventuellen Zusammenhang zwischen den zwölf Tierkreiszeichen und den zwölf Stämmen Israels, eine Sache die nicht unwahrscheinlich ist, da die Tierkreiszeichen in der Kunst und der Mythologie der Juden einen seit jeher festen und anerkannten Status innehaben. Als Beispiel dafür ist die Tatsache, dass der Tierkreiszeichen als beliebtes Motiv in Synagogen zu finden ist, und das schon seit altertümlichen Zeiten wie im berühmten Beth Alpha Synagoge in Israel (die ein Prachtexemplar vorweist) bis zum heutigen Tag wie in der Bialystocker Synagoge in Lower East Side New Yorks. Hier ist es erwiesen, dass die Tierkreiszeichen eine Entsprechung zu den Monaten des jüdischen Kalenders haben. Ein anderes Beispiel: Dem Monat des jüdischen Kalenders namens Tishrei, der zwischen Oktober und November beginnt, wird der Sternzeichen Waage zugeordnet. Im Tishrei finden die große feste Rosh Hashannah und Yom Kippur (der wichtigste jährliche Festtag des Judentums) statt, Tage der Versöhnung, wo gute und schlechte Taten auf der Waage der Gerechtigkeit gegeneinander abgewogen werden.
Astrologie wurde das ganze Mittelalter hindurch in vielen Formen durch Juden als esoterische Kunst und Wissenschaft praktiziert. Dank ihrer orientalischen Herkunft wurden die Juden für die Erben und Nachfolger der Chaldäer gehalten. Aus diesem Grund bekamen die Juden in der westlichen Welt den Ruf, Meister der Astrologie zu sein.
Die verbreiteteste astrologische Praktik im Judentum war die Ermittlung von günstigen Tagen. Dieser Praktik zufolge gab es sowohl Glück verheißende als auch von Unglück gezeichnete Tage und es galt diese in Zusammenhang mit Tätigkeiten oder Vorhaben zu berücksichtigen. Diese Praktik steht aber im drastischen Widerspruch zum Judaismus, der geschäftliche Tätigkeiten jeglicher Art beim Neumond, am Freitag oder am Sabbatabend verbietet.
Ausserdem taucht in der jüdischen Literatur oft die Aussage auf, dass es kein mazal (‚Stern‘ od. ‚Sternzeichen‘) für Israel gibt. Allein für Länder die Astrologie praktizieren, d.h. anders als bei anderen Ländern, lenkt israel sein eigenes schicksal, da diese dem einfluss der Sternzeichen nicht unterworfen ist.
Trotzdem steht es an vielen Stellen im Talmud und in der Midrasch-Literatur, dass viele Juden schon Bewunderung für Astrologie hegten. Einige glaubten, dass die Sterne generell Einfluss auf das Schicksal von Völkern und Nationen ausüben – bloß auf Abraham und sein Nachkommen nicht, da diese durch ihren Status als auserwähltes Volk, das einen Bund mit Gott geschlossen hat, den freien Willen erlangt haben.
Unbeschadet dessen befassten sich eine Reihe Koryphäen der jüdischen Wissenschaft und Literatur im Laufe ihrer illustren Karrieren mit der Astrologie. Einige taten dies im Mittelalter und in der Neuzeit in ihren Responsen – Anfragen rechtlicher Art an eine gelehrte jüdische halachische Autorität, mit dem Ziel, einen normativen Bescheid zu erhalten, die kritisch bewertet, Probleme und Lebensumstände der Juden mit ihren nichtjüdischen Umwelt erkennen lassen. Eine bekannte Responsa kommt zu dem Schluss, dass Astrologie doch in gewissen Masse Bezug zur Realität hat, indem die Sterne einem Menschen mit bestimmten Neigungen beschert, wobei er dank des freien Willens imstande ist, diese wiederum zu überwinden – eine Einstellung die eigentlich der modernen Auffassung der Wirksamkeit und des Wertes der Astrologie (von einem Astrologie-gläubigen) entspricht.
Der große Abraham ibn Ezra war tatsächlich Anhänger der Astrologie, die er als ‚hehre‘ od. ‚erhabene‘ Wissenschaft bezeichnet. Neben seinen berühmten literarischen und wissenschaftlichen Werken erstellte er ein Horoskop. In seinen Kommentaren zur Bibel erwähnt er die Astrologie öfters. Er vertrat die poetische Auffassung, dass das Himmelsgewölbe mit seinen Sternbildern das ‚Buch des Lebens‘ darstelle, wo das Schicksal eines jeden Menschen unumstößlich geschrieben steht. Nur mit Hilfe des Allmächtigen Gottes, könnte man diesen Einfluss entgegenwirken und das Schicksal überwinden und den Lebensweg selber gestalten. Hauptaussage seiner Kommentare zur Astrologie, die tatsächlich eine weit verbreitete Meinung des jüdischen Volkes zu diesem Thema verkörpert, lautet wie folgt: Gott hat die Herrschaft der sublunaren (sprich irdischen) Welt an die Sterne delegiert. Solang der pietätvolle Jude sich mit dem Studium und Einhaltung der Torah befasst, ist er selbst mit einer überirdischen spirituellen Welt verbunden, die sogar über den Sternen erhaben ist. So kann er sich von den Diktaten der Sternen befreien.
Rabbi Abraham ben David von Posquières behauptet in seinen kritischen Kommentaren zu Maimonides Mischneh Torah, Teschuvah, dass die Sternzeichen doch einen Einfluss auf das Schicksal der Menschen ausübt, wobei man diesen Einfluss durch Glaube an Gott überwinden kann.
Der gelehrte Gersonides setzte sich mit dem von der Astrologie verkörperten Determinismus auseinander – Determinismus ist das Prinzip wonach alle Ereignisse nach feststehenden Gesetzen (sprich in diesem Fall der Einfluss der Sternzeichen) ablaufen und sie durch diese vollständig bestimmt bzw. determiniert seien und dass der weitere Ablauf aller Ereignisse generell vorherbestimmt ist. Er fand, dass der freie Wille eines Menschen imstande ist, den von den Sternen vorherbestimmten Ablauf der Dinge entgegenzuwirken und zu besiegen. Eine durch Astrologie ermittelte Prophezeiung gilt nur solange der Mensch diese nicht mit seinem freien Willen durchkreuzt und überwirft.
In seinem Werk Derekh Hashem beschreibt Rabbi Moshe Chaim Luzzatto den Einfluss der Sterne auf die Menschheit und auf Ereignisse. Er nennt zwei Gründe für die Erschaffung der Sterne und Planeten. Erstens, sie halten die Existenz aller materiellen Gegenständen auf Erden aufrecht und fungieren als Kanäle durch die spirituelle Kräfte in irdische Geschöpfe geleitet werden. Zweiten, irdische Ereignisse werden alle durch die Einwirkung von Sternen und Planeten initiiert. Ferner behauptet er dass jedes irdische Phänomen einem bestimmten Gestirn zugeordnet werden kann, das diese steuert. Er zitiert aus dem Talmud: „Für Israel gibt es keinen mazal (Glück, Sternzeichen, Planet)“ und dass höhere Mächte (Gott und die Engel) imstande sind, die Macht der Sterne zu brechen, was sie ohnehin typischerweise oft für Juden tun.
Der Judaismus betrachtet Astrologie nicht als Götzendienst obwohl der Oberberiff für Götzendienst im wörtlichen Sinne “avodat kochavim u’mazalot,” ‚Anbetung der Sterne und Tierkreiszeichen‘ bedeutet. Generell glaubt der Jude, dass die Sterne doch Einfluss auf irdische Ereignisse ausübt und dass es von Bedeutung ist, wenn man an einem Tag geboren wird, wo Pesach, Yom Kippur usw. stattfindet. Jeder Tag hat seinen speziellen Zauber und Einfluss auf den Menschen der dann geboren wird. Sogar der Talmud besagt, dass jemand, der unter dem Planeten ‚Mars‘ geboren wird, eine Neigung zum Blutvergießen im Laufe seines Lebens vorweisen wird. Natürlich, da der Mensch den freien Willen besitzt, kann er diese Neigung kanalisieren oder sogar lukrativ/beruflich einsetzen, indem er Soldat, Chirurg, Schlächter oder gar mohel (einer der rituelle Bescheidungen ausführt) wird. Natürlich kann er sich auch entscheiden Mörder zu werden. So ist der freie Wille des Menschen.
Dem Menschen, der im Licht der jüdischen Traditionen und mit den durch die Torah vermittelte Werten erzogen wurde, lebt und atmet das Konzept des freien Willens, so dass er astrologischen Einflüssen eigentlich wenig Achtung schenken würde, da ein starker Bezug zum Determinismus fehlt. Er ist dermaßen von seiner Fähigkeit überzeugt, durch das Geschenk des freien Willens mit Hilfe Gottes und in Einhaltung seines Glaubens, sein Lebensweg zu bahnen.
Nichtsdestotrotz ist die Auffassung in der jüdischen Welt schon seit dem Altertum verbreitet, dass die Sterne doch eine wichtige Rolle in Gottes Plan spielen, indem sie als seine Art Verbindung zwischen der Gottheit und der irdischen Welt dienen. Die Sterne und die Engel werden auf der gleichen Stufe zwischen Gott und Materie, Himmel und Erde gesetzt. So lehrt der Midrasch: ‚Es gibt keinen Grashalm das nicht unter dem Schutz eines Sternzeichens (Mazal) steht, das ihn zuflüstert: „Wachse und Gedeihe!“‘ Die göttliche Vorsehung wird durch die Engel ausgeführt, und die Engel agieren wiederum mit Hilfe der Sternzeichen und Planeten.
