Zigeunerkarten
Diverse Kartenspiele, die zum Kartenlegen verwendet werden, bezeichnet man als Wahrsagerkarten. Auch kennt man sie unter den Namen Aufschlage- bzw. Divinationskarten. Divination bedeutet Wahrsagung: esoterische Methoden die dazu dienen sollen, zukünftige Ereignisse vorherzusagen oder auch anderweitig okkultes d.h. verborgenes Wissen zu erlangen. Hierzu gehört die Kartomantie, der Oberbegriff für die unterschiedlichen esoterischen Systeme der Wahrheits- und Zukunftsdeutung, die auf Kartenlegen basieren. Die ersten Formen der Kartomantie tauchen zwischen 1480 und 1505 schon auf, als der frühe Buchdruck die Herstellung von rudimentären Kartendecks auf Basis von schon früher bekannten Schemata von Losbüchern ermöglicht. Verspielte Kartenformen mit leichten wahrsagerischen Aspekten lassen sich im 16. Jahrhundert im Zusammenhang mit dem Tarot nachweisen.
Die Zigeunerkarten (auch Zigeuner-Wahrsagerkarten genannt) sind eine eher ‚moderne‘ Entwicklung, und das nicht nur im zeitlichen Sinn, sondern auch in Anbetracht ihrer (für esoterische Methoden) außergewöhnlichen Entstehungsgeschichte. Zigeunerkarten erschienen erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts, als man Wahrsagerkarten im Zuge der industriellen Revolution in größeren Stückzahlen herstellen und vertreiben konnte. Die Hersteller bedienten sich ganz einfach des mystischen Rufs der Zigeuner als bewanderte Wahrsager und Kartenleger, um den Verkauf ihrer Wahrsage- oder Aufschlagekarten anzukurbeln. 1920 produzierte die Wiener Firma Piatnik die heute bekannteste Version: ein Deck von 36 Karten, die in sechs Sprachen (Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch, Kroatisch und Ungarisch) beschriftet sind.
Anders als bei anderen ähnlichen Wahrsagerkartendecks sind diese Zigeunerkarten nicht nummeriert. Die heute gängige Version wurde 1960 das letzte Mal durch die Firma Piatnik leicht modifiziert und aktualisiert. Die in sechs Sprachen verfassten, auf den Karten befindlichen Schlagworte weisen darauf hin, dass ihr Ursprung den Symbolen und Themenkreisen der österreichisch-ungarischen k. und k. (kaiserlichen und königlichen) Monarchie zuzuordnen ist. Hauptzielgruppe war wohl die gehobene bürgerliche Gesellschaft mit einem ganz besonderen Augenmerk auf deren Damenwelt – ein Grund dafür dass das Thema ‚Geld durch Arbeit‘ bei den Zigeunerkarten keine Erwähnung findet. Der angeblich von Kaiser Wilhelm II. geprägter Begriff ‚Kinder, Küche und Kirche‘ stellte damals die Betätigungsfelder im Leben dar, auf die sich die Frauenwelt zu beschränken hatte.
Die Stärke dieses Decks liegt eindeutig in seiner beeindrückenden Fülle von Gefühlskarten, die feinste Nuancierungen bei der Analyse von delikaten Herzensangelegenheiten und sowohl von Besorgnis erregenden als auch erfreulichen Familien-Ereignissen ermöglichen. Heutzutage finden die Zigeunerkarten immer breiteren Anklang als Medium zur Zukunftsvorhersage und Analyse von bestehenden Lebenssituationen.
Im nächsten Blog werden die 36 Karten beschrieben.
